Am 26.4.2008 ruft die NPD zum Großaufmarsch nach Stolberg (Rhld.) bei Aachen auf. Beteiligt sind freie Kameradschaften, etwa die „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL), aber auch konkurrierende Kräfte, wie die NS-Szene um den Hamburger Neonaziführer Christian Worch. Erwartet werden ca. 800 Neonazis aus Deutschland und den umliegenden Staaten. Der Anlass des Großaufmarsches ist die Tötung eines jungen Mannes in Stolberg.
Am 4.4.2008 kam es zu einer Auseinandersetzung
zweier Gruppen Jugendlicher, die für einen der Beteiligten tödlich
endete (Vgl. ntv, Klarmann, AZ).
Aus der Tatsache, dass sich in der Gruppe des Getöteten ein Mitglied
der örtlichen NPD befand, leiten Neonazis ab, das Opfer sei einer der
ihren gewesen. Und wenn schon nicht einer der ihren, denn in dieser
Frage sind sich die Neonazis nicht einig, so sei er doch wenigstens
„ein junger Deutscher“. Tatsächlich ist unklar, wo sich das Opfer
politisch einordnete. Familie, Freundinnen und Freunde zumindest
bestreiten eine rechte Gesinnung und verwehren sich gegen die
Instrumentalisierung und Vereinnahmung von rechts (AZ, Heise ) und entfernten die Kerzen und Plakate am Tatort (AN).
Für ihre Gegenwehr werden die Eltern des Opfers von der Neonaziszene
beispielsweise bei Altermedia massiv diffamiert. Der vermeintliche
Täter wird von den Neonazis als Migrant bezeichnet. Der in Deutschland
geborene Staatenlose befindet sich mittlerweile in U-haft (AZ).
Schon am Tag der Auseinandersetzung begannen neonazistische Kreise die
Mythologisierung des Opfers in die Wege zu leiten. Er wurde stilisiert
zum im Kampf ermordeten Soldaten, zum Märtyrer für die
national(sozialistisch)e Sache, zum Held, der für Deutschland fiel.
Bereits am nächsten Tag fand in Stolberg eine Demonstration der
extremen Rechten statt, an der sich ca. 160 Neonazis beteiligten (Redok).
Spätestens hier wurde deutlich, mit welchem Ziel die
Instrumentalisierung betrieben wird. Das Ereignis wurde zugunsten
rassistischer Ideologien umgedeutet und als vermeintlicher Beleg für
einen von der extremen Rechten seit Jahren propagierten „Kampf der
Kulturen“ herangezogen. Aus dem als „Trauermarsch“ deklarierten
Aufmarsch heraus wurden an migrantischen Einrichtungen, von
MigrantInnen bewohnten Häusern und an Geschäften Parolen wie: „Kein
Vergeben, kein Vergessen, Türken haben Namen und Adressen“ und „Wir
kriegen Euch alle!“ von Neonazis skandiert (Klarmann).
Das Vorgehen der bundesdeutschen Neonazi-Szene
erinnert stark an die Mythologisierungsstrategien schwedischer
Neonazis: In Salem, einem Vorort Stockholms, kam im Jahr 2000 ein
junger Neonazi bei einer Auseinandersetzung mit Migranten zu Tode. Auch
in Schweden wurde der Tote umgehend zum Märtyrer stilisiert. Seitdem
findet dort jedes Jahr einer der größten NS-Aufmärsche Europas statt.
Einer der prominentesten Teilnehmer des Aufmarsches im schwedischen
Salem ist Christian Worch (Recherche Nord).
Da es den dortigen neonazistischen Organisationen anfangs gelang, ihren
Aufmarsch als Trauerarbeit darzustellen, reagierten weder
Öffentlichkeit noch Gemeindeverwaltung (antifa.de, nmr.nu).
Dies ist auch der deutschen Neonaziszene bekannt. Längst
parallelisieren sie in ihren Internet-Foren Stolberg mit Salem: „Der
bestialische Mord erinnert irgendwie an die viehische Abschlachtung
unseres Kameraden Daniel Wretström in Schweden. Ich hoffe das (sic) dem
nunmehr gestern gefallenen Märtyrer (…) genauso aktiv gedacht wird. Es
sollte an seinem Todestag jedes Jahr eine gewaltige Trauerveranstaltung
geben (…)“.
Die rassistischen Effekte der Mythologisierung des
Stolberger Vorfalls zeigte sich in den folgenden Tagen am deutlichsten
an Vernichtungsphantasien in Internetforen, in denen Vergasung („INS
GAS MIT DEM GANZEN AUSLAENDER UNGEZIEFER - RADIKAL UND GNADENLOS“),
brennende Häuser und weitere Mordgedanken propagiert werden.
Zur gleichen Zeit veröffentlichten Aachener Neonazis Fotos und Namen von vermeintlich an der Auseinandersetzung Beteiligten.
Bundesweit (Indymedia, Indymedia, Indymedia, Indymedia) und im europäischen Ausland (Indymedia NL, Zentropa)
wurde das Ereignis aufgegriffen. In etlichen Städten fanden als
Reaktion Demonstrationen neonazistischer Kräfte statt. Zugunsten eines
Großaufmarsches in Stolberg wurden andere an diesem Tag geplante
Aufmärsche abgesagt. Strategisches Ziel der bundesdeutschen
Neonaziszene ist es, einen jährlichen Aufmarschanlass zu initiieren, es
„bietet sich die Chance mit dem Aufbau eines Märtyrers einen Ersatz für
die zunehmend floppenden ‚Rudolf-Hess-Aufmärsche’ zu schaffen“ (Recherche Nord).
Zwischenzeitlich diskutierten differierende Spektren der
bundesdeutschen extremen Rechten um den geeigneten Termin für eine
Großdemonstration. Während Christian Worch sich für die ‚freien’ Kräfte
für einen schnellstmöglichen Termin aussprach, favorisierte die NPD
einen späteren. Schließlich wurden gleich zwei Demonstrationen
angemeldet, eine am 12.4.2008, eine am 26.4.2008. Dass dieses Ereignis
dennoch eine einende Wirkung auf die meist zerstrittenen Lager hatte,
zeigte sich beim Aufmarsch am 12.4., an dem sich spektrums- und
länderübergreifend 800 Neonazis beteiligten (AN).
Neben autonomen Nationalisten unter Christian Worch marschierte die
örtliche NPD unter dem Stolberger Ratsherrn Willibald Kunkel auf. Neben
dieser einenden Wirkung ist zudem mit einer Stärkung regionaler extrem
rechter Strukturen zu rechnen. In der Region Aachen gibt es allein acht
Kameradschaften, im letzten Jahr nahmen die straffrechtlich verfolgten
Delikte der örtlichen Neonazi-Szene deutlich zu (Klarmann). Schon lange wird von einem „Braunen Gürtel um Aachen“ (Antifa Düren)
gesprochen, der allerdings nicht mehr vor den Stadttoren Halt macht.
Jüngst wurde in der Aachener Innenstadt eine antifaschistische
Demonstration, die sich gegen die zunehmende Gewalt der Aachener
Neonazis richtete (Klarmann),
von 30-40 bewaffneten und teils vermummten Neonazis angegriffen.
Beteiligt waren neben Mitgliedern der Kameradschaften
Führungsmitglieder der Dürener NPD (Indymedia, AN, Endstation rechts).
Auch ist Stolberg kein unbeschriebenes Blatt (Heise).
Rund 25 Jahre - bis 1991- befand sich in Stolberg der Sitz der
inzwischen verbotenen neonazistischen Wiking-Jugend. Wolfgang Nahrath
und später sein Sohn Wolfram betrieben von ihrem Privathaus in
Stolberg-Büsbach aus, die Bundeszentrale dieser Organisation (Apabiz). Zudem hat die NPD in Stolberg gleich zwei Ratsmandate inne, die DVU ein weiteres.
Die Dimension, in der sich die Debatte um die Stolberger Ereignisse
bewegt, wird an der Mobilisierungsfähigkeit in dem doch relativ kurzen
Zeitraum deutlich. Der Stolberger Aufmarsch am 12.4. war eine der
größten Versammlungen deutscher Neonazis in diesem Jahr.
Auch während dieses Aufmarsches, genau wie am Tag nach dem tödlichen
Konflikt, wurden massive Drohungen gegen MigrantInnen transportiert.
Die deutlichste Aussage konnte auf einem Transparent der Kameradschaft
Aachener Land gelesen werden. In den Lauf einer Waffe blickend war zu
lesen „…auch Ihr habt Namen und Adressen. Kein Vergeben. Kein
Vergessen“ (Recherche Nord).
Diese Drohung zierten zudem gezeichnete Einschusslöcher und stilisierte
Blutflecken. Das Transparent wurde u.a. getragen von der örtlichen
NPD-„Elite“, von Denis U., Beisitzer im NPD-Düren Vorstand und
Mitbegründer der „Anti-Antifa“ Aachen/Düren sowie Mitglied der
neonazistischen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) und von Rene L.,
Vorsitzender der NPD Ortsgruppe Rhein-Erft und gleichsam Führer der KAL
(Zu sehen auf dem ersten Foto des Berichts unter Recherche Nord. Laube befindet sich am rechten Rand des Transparents, Unruh ganz links.).
Während der Demonstration kam es zu massiven
Auseinandersetzungen mit den Cops, deren Strategie auf Abschreckung
ausgerichtet zu sein schien. Erst nach 5-stündiger Verspätung -
verursacht durch Vorkontrollen - konnten die Neonazis durch ein
überwiegend migrantisches Viertel, die „Mühle“, in Stolberg ziehen.
Allerdings nicht, ohne mehrfach von Team Green wegen Vermummungen und
Übergriffen auf JournalistInnen gestoppt zu werden. Kurz nach dem
ersten Halt des Aufmarsches „entfernte sich ein offensichtlich leicht
verletzter Neonazi der als Ordner eingesetzt war, aus dem
stillstehenden Demonstrationszug und griff einen anwesenden
Fotojournalisten tätlich an“ (Recherche Nord). Die Bilanz des Tages waren 31 Verletzte und mehrere Dutzend Festnahmen (Recherche Nord).
Dass diese polizeiliche Strategie jedoch eher zur Mobilisierung beiträgt, denn Stolberg als Aufmarschgebiet für Neonazis unattraktiv zu machen, zeigen jüngst erschienene Mobilisierungsvideos der extremen Rechten (YouTube). Diese richten sich gerade an junge aktionistische Rechte, die Gewalt, die die Auseinandersetzung mit den Cops als anziehend empfinden. Die in der „AG Rheinland“ organisierten örtlichen „Autonomen Nationalisten“ gaben als Parole nach dem Aufmarsch heraus: „Eines ist heute schon gewiss: Eure Repression macht uns nur noch stärker - wir kommen wieder, wenn es sein muss jeden Tag! Am 26.04. vereint nach Stolberg! Den Polizeirepressionen erneut entgegentreten!“ Auch der Titel dieses Beitrags („Den Hass auf die Straße tragen“) verweist auf die Strategie der Neonazis. Von Trauer um den Getöteten ist nicht die Rede.
In Stolberg ist für den 26.4.2008 erneut eine
Großdemonstration der extremen Rechten, diesmal organisiert von der
NPD, angemeldet. Auch in diesem Fall werden freie Kameradschaften und
Partei Hand in Hand auftreten. Christian Worch hat unlängst sein
Erscheinen angekündigt, auch so genannte „Autonome Nationalisten“ aus
Aachen Stadt, die in der „AG Rheinland“ organisiert sind, mobilisieren
zu diesem Aufmarsch. AntifaschistInnen aus der Region rechnen mit einer
ähnlichen, wenn nicht höheren Beteiligung.
Unterdessen hat ein antifaschistisches Bündnis zu Gegenaktivitäten
aufgerufen und eine Demonstration angemeldet, die um 9 Uhr am
Kaiserplatz in Stolberg beginnen wird ( stolberg.blogsport.de, AZ).
Überlassen wir den Nazis nicht die Straße!
Kommt am 26.4 nach Stolberg, mobilisiert, bringt
FreundInnen mit, haltet Eure Nazis „zuhause“ (oder nutzt die Zeit in
der wir sie ablenken), seid unkontrollierbar und entschlossen!
Keine Pilgerstätten für Neonazis. Nirgendwo.
http://stolberg.blogsport.de
www.antifa-dueren.org
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