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Dokumentation: Texte und Redebeiträge zum 1 Mai E-Mail
Samstag, 3. Mai 2008
Im folgenden Abschnitt dokumentieren wir eine unvollständige Sammlung von Redebeiträgen, Aufrufen und sonstigen Texten aus der FAU-IAA und der IAA zum 1. Mai 2008.

Aufruf der Internationalen Arbeiter/innen-Assoziation zum Ersten Mai 2008


Wieder einmal ist der Erste Mai gekommen und mit ihm die Zeit des Erinnerns - im Kampf - an unsere Genoss/innen: Fünf anarchistische Arbeiter, die in einem Krieg zwischen den Klassen gestorben sind, den wir auch heute noch führen.[1] Sie wurden vom Staat ermordet, weil sie es nicht ohne Widerstand ertragen konnten, dass ihre Chefs von ihrer Arbeit gelebt haben. Weil sie es nicht ertragen wollten, dass Staat und Kapital eine Macht über ihr Leben haben.

Aber es sind nicht nur diese fünf Anarchisten - erinnern wir uns an die ungezählten Arbeiter/innen, Gewerk­schaf­ter/innen, Anar­chis­t/innen, Libertären, stol­zen menschlichen We­sen, die starben, weil sie die Ausbeutung der Menschen durch die Menschen nicht ertragen konnten. Sie alle leben weiter am Ersten Mai, dem Internationalen Kampftag der Arbeiter/innen.

Mit ihren hohen Idealen in unseren Herzen und mit unseren Gewerkschaften auf der Straße müssen wir unsere Rechte und unser Leben verteidigen:

Gegen die wilden Angriffe des neo-liberalen Kapitalismus!
Kämpfen wir für eine freie Welt - heute genauso wie vor hundert Jahren!

In der Europäischen Union müssen die Arbeiter/innen unter dem Zusammenbruch des Wohlfahrtsstaates leiden, aber auch unter dem massiven Wachstum ungesicherter Arbeitsplätze. Der Verrat der Sozialdemokratie, die Unfähigkeit der bürokratischen Gewerkschaften und drei rechte Regierungen in Mitteleuropa werden diese Situation weiterhin verschlechtern.

In Lateinamerika kämpfen die Armen immernoch gegen den Würgegriff der multinationalen Firmen, die den ganzen Kontinent ausplündern, gegen die Zerstörung der Umwelt und ein Leben in größtem Elend. Aber auch Afrika bleibt immernoch nur ein Spielzeug in den Händen der nach-kolonialen Imperialist/innen, die die Flammen des Krieges zwischen den Menschen anfachen. Sie lassen ganze Bevölkerungen verhungern und an Seuchen sterben, um einen ganzen Kontinent seiner natürlichen Vorräte zu berauben.

Die Welt wird mit dem Schwert des Imperialismus der USA, Chinas und Europas neu geformt. In endlosen Kriegen werden die Armen und die Arbeiter/innen-Klasse geschlachtet, um die Interessen der militärischen Industrie, der Privatwirtschaft und der Herrschaft der regierenden Clique an diesen Ressourcen zu sichern.

In dieser Situation der wirtschaftlichen Krise, der Kriege und des wachsenden Elends ruft die Internationale Arbeiter/innen-Assoziation (IAA) an diesem Ersten Mai zum Kampf gegen die Ausbeutung der Arbeiter/innen-Klasse. Sie ruft auf zu einem Ersten Mai der Solidarität und Gegenseitigen Hilfe gegen die rassistische Teilung der Armen. Sie ruft auf zu einem Ersten Mai des Widerstands gegen kapitalistische Kriege und sie ruft die Arbeiter/innen auf, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Für die Selbstbefreiung von den Interessen der Bürokratie, des Kapitalismus und der Politik.
Die Befreiung der Arbeiter/innen-Klasse können nur die Arbeiter/innen selbst schaffen!
Für den freiheitlichen Kommunismus und die soziale Revolution!

Belgrad, Erster Mai 2008
Sekretariat der Internationalen Arbeiter/innen-Assoziation (IAA),  

[1]In Chicago, Illinois (USA) kam es am 03. Mai 1886 als Folge des Generalstreiks zu schweren Kämpfen mit der Polizei, die eine Streikversammlung mit Gewalt auflöste und sechs Arbeiter tötete. Tausende zogen daraufhin in einem friedlichen Protestmarsch zum Haymarket Square. Doch als am folgenden Tag von Unbekannten in der Menschenmenge auf dem Platz eine Bombe gezündet wurde, starben dabei zwölf Menschen, davon acht Polizisten. Die Polizei schoss daraufhin in die protestierenden ArbeiterInnen, was etwa zweihundert Tote und zahlreiche Verletzte zur Folge hatte. Da einige der Redner auf der Protestkundgebung Anarchisten waren, wurde behauptet, die Bombe sei von AnarchistInnen gelegt worden, was aber nie bewiesen werden konnte. Trotzdem wurden acht Anarchisten - fast alle Einwanderer aus dem Deutschen Reich - in den USA angeklagt und verurteilt. Fünf von ihnen wurden hingerichtet: Albert Parsons, August Spies, George Engel und Adolph Fischer; Louis Lingg starb in seiner Zelle. Oscar Neebe, Michael Schwab und Samuel Fielden durften im Gefängnis weiterleben.

 


 

1. Mai 2008: Redebeitrag der FAU Berlin

Als Jingle

Nach monatelanger Eiszeit sind die Straßen der Stadt endlich wieder belebt. Die Menschen sitzen an einem Sonntag im April, bei angenehmen 20 Grad im Freien und trinken Café. Relaxen in der warmen Sonne. Genießen die wiedergewonnene Freiheit. Zwischen den Gästen, im Café an der Straße, bewegt sich Steffi von einem Tisch zum nächsten, nimmt Bestellungen entgegen, räumt Tische ab, kassiert. Seit fünf Stunden macht sie dies nun schon. Rücken und Füße schmerzen. Lieber würde sie im Park liegen. Doch sie muss arbeiten. Ohne Lohn. Dies ist nun schon ihre sechste unbezahlte Probeschicht in den letzten Tagen. Die zweite in diesem Etablisement. Sie braucht diesen Job unbedingt, um das Geld für die Mai-Miete aufbringen zu können. Deshalb lässt sie sich ihre Müdigkeit nicht anmerken, arbeitet weiter bis die Schicht beendet ist und liefert ihr Trinkgeld beim Chef ab.

Es ist der erste Tag des neuen Semesters. Die Studierenden strömen in den völlig überfüllten Seminarraum. Agnes steht vor dem Overheadprojektor und teilt den Studierenden mit, welche Leistungsanforderungen der Professor festgelegt hat. Diese stöhnen. Die Stimmung ist gedrückt, denn viele wissen nicht wie sie die Aufgabe bewältigen sollen. Agnes rechtfertigt ihren Prof, dabei kann sie die Studierenden gut verstehen, denn auch sie weiß nicht, wie sie das Geld für sich und ihren 2 jährigen Sohn in den nächsten Monaten, neben dem Job in der Uni, aufbringen soll. Denn sie arbeitet ohne Lohn. Sie hofft im nächsten Semester einen bezahlten Lehrauftrag zu ergattern, wenn sie sich in diesem Semester bewährt.

Es ist 7 Uhr morgens. Paul steigt aus der U-Bahn aus, verlässt den Bahnhof und steuert das herrschaftliche Gebäude an, welches das berühmte Varieté-Theater der Stadt beherbergt. Seine Laune ist mies, es graut ihm vor dem Tag, den er nun mit seiner tyrannischen und inkompetenten Vorgesetzten verbringen muss. Seit 6 Monaten arbeitet er schon hier. Ohne Lohn. Als „Traumrolle hinter den Kulissen“ machte ihm sein Sachbearbeiter im Job-Center das Praktikum schmackhaft. Nun schuftet er jeden Tag hinter den Kulissen für die, die die vermeintlichen Traumrollen ausfüllen. Von der Perspektive einer festen Übernahme am Schauspielhaus, war schon seit seinem ersten Arbeitstag nicht mehr die Rede. „Er solle froh sein überhaupt Arbeit zu haben“, wurde ihm entgegengehalten. Davon kann allerdings keine Rede sein, denn Paul weiß nicht woher er das Geld nehmen soll, um seine Freundin in London besuchen zu können, wo er den Beruf den er nun unbezahlt ausübt gelernt hat. Er hat sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen.

Unbezahlte Lohnarbeit ist ein um sich greifendes Phänomen. In Zeiten in denen das Selbsbewußtsein der Lohnabhängigen gering ist, lassen sich Arbeitgeber immer perfidere Strategien einfallen um ArbeiterInnen gegeneinander auszuspielen. Sowieso schon extrem mies bezahlte Jobs in der Gastronomiebranche, werden in Spitzenzeiten durch unbezahlte Probeschichtler ergänzt, welche von vorne herein keine Chance auf eine feste Anstellung haben. Universitäten beuten Studierende aus, die sich Hoffnungen auf eine akademische Karriere machen, in dem sie ihre knappen Kassen entlasten und unbezahlte Lehraufträge zur Normalität werden lassen. Gleichzeitig beuten Kultureinrichtungen junge qualifizierte Arbeitslose als PraktikantInnen aus, während immer mehr Festangestellte entlassen werden. Aufgezeigt werden könnte auch, wie immer mehr Job im sozialen Bereich durch ehrenamtliche Stellen ersetzt werden oder wie die Wirtschaft zunehmend auf die Angst der ArbeiterInnen vor dem Verlust ihres Job´s setzt und sie immer mehr unvergütete Überstunden machen lässt. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Für diese Entwicklung sind wir alle verantwortlich. Denn es ist keine neue Erkenntnis, das es der einen Klasse daran gelegen ist möglichst viel Mehrwert aus der anderen herauszupressen. Und auch wenn die Grenzen zwischen diesen beiden Klassen heutzutage nicht mehr ganz so klar zu zeichnen sind wie in früheren Zeiten, so funktioniert das miese Spiel namens Kapitalismus nichts desto trotz immer noch nach den gleichen Regeln wie damals. Der Klassenkampf von oben wurde über all die Jahre weitergeführt, während sich große Teile der lohnabhängigen Bevölkerung von den marktradikalen Parolen haben einschläfern lassen. Wenn wir unsere eigenen Interessen wieder wahrnehmen, uns organisieren, die Strategien den heutigen Verhältnissen anpassen und Klassenkämpfe entwickeln, kann es uns gelingen die Kontrolle über unser Leben zurückzugewinnen. Wenn es Steffi, Agnes und Paul schaffen mit unserer Hilfe ihren Chefs den Fuck-Finger zu zeigen, können wir dies als Grundlage nehmen, um uns das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wieder anzueignen und gemeinsam weitergehende Perspektiven zu entwickeln. Der Kampf für Freiheit UND Gleichheit beginnt in unserem Alltag! Lasst uns den Fehdehandschuh endlich wieder aufnehmen!



Redebeitrag der FAU-Hannover zum 1. Mai

Wie bereits im letzen Jahr hatte die Antifaschistische Aktion Hannover [AAH] zu einem antikapitalitischen Block auf dem Demonstrationszug der IG Metall aufgerufen. Zwischen 150 und 200 Personen folgten dem Aufruf. In diesem Jahr war die FAU-Hannover nicht nur personell, sondern auch mit einem Redebeitrag vertreten.

Liebe FreundInnen und GenossInnen,

Der 1.Mai hat viele Bedeutungen und ebenso viele Namen und als Gewerkschaft verbindet uns – die Freie ArbeiterInnen Union Hannover – viel mit dem 1.Mai. Als Tag der Arbeit, Feiertag für die einen, Trauertag für die Anderen. Offiziell auch „der Kampftag der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung“.

DER Kampftag? Müssen wir etwa die anderen 364 Tage nicht kämpfen? Der Kapitalismus ist ja auch immer noch da. Trotzdem scheint das Kämpfen nicht mehr wirklich angesagt zu sein.

„Gute Arbeit muss drin sein“ ist das diesjährige Motte des DGB zum 1.Mai. Kein Wunder, sprechen doch die DGB-Gewerkschaften schon lange lieber vom „Tag der Arbeit“. Arbeiten und Schnauze halten passt besser zum viel beschworenen „soziale Frieden“ als das Kämpfen, und es ist ja auch bequemer. Da wird schnell ein bisschen „gute Arbeit“ gefordert und alles ist fein. Wann kommen sie endlich mit dem Slogan „Gute Arbeit auch ohne Lohn“??

Weit davon entfernt sind die FreundInnen der Sozialpartnerschaft nicht mehr. So handeln die Gewerkschaften des DGB schon mal Tarif-Verträge für unter 4,- Euro die Stunde aus. 3,85 Euro verdienen Frisöre im ersten Berufsjahr in Sachsen – brutto wohlgemerkt!

Im öffentlichen Dienst hat Ver.di mit den neuen Abschlüssen im Tarifvertrag TVÖD angesichts der weiter steigenden Lebensmittel- und Energiepreise gerade mal einen Inflationsausgleich erzielt. Glaubt tatsächlich noch jemand, dass beim nächsten Abschluss mehr rausgeholt wird? Sicher - mehr Arbeit...

Aber es gibt auch Ausnahmen: Die GDL-Mitglieder haben tatsächlich monatelang gekämpft. Aber trotz ihrer kämpferischer Aktionen haben sie sich am Ende von ihren Funktionären verarschen lassen. Von den 30% Lohnsteigerung sind gerade mal 11% übrig geblieben. Gleichzeitig werden fast alle Sonderzulagen gestrichen. Und selbst das gibt’s nicht für alle: die in der GDL organisierten Schaffnerinnen und Schaffner fallen auch noch ganz raus.

Das zeigt dann doch nur wieder, dass sich auch die noch so kämpferischsten Gewerkschaften ohne eine antikapitalistische Grundhaltung schnell im Dickicht nationaler Standortlogik und egoistischer Berufsgruppeninteressen verfangen. Da wundert es auch nicht mehr, dass Forschungen der gewerkschaftsnahen Stiftungen rechtsradikales Gedankengut feststellen in den Reihen der Gewerkschaften feststellen - und zwar bei gut 20% der Mitglieder...

So manche mag sich da zurücksehnen zur „Guten alten Zeit“ - als alles noch so schön klar und einfach war. 1968 feiert ja dieses Jahr ihr 40stes. Zeit für Nostalgie, Zeit für verklärte Erinnerungen an Revolte und Aufbruchstimmung? Wir finden nicht!

40 Jahre 1968. Das heißt 40 Jahre Zerschlagung des Prager Frühlings. Die Truppen des Warschauer Pakts, unter ihnen auch die NVA - die ja von der KPD, die mit ihrer DDR-Fahne auch wieder auf der Demo vertreten sind, als Friedenstruupe abgefeiert wird - zerschlagen mit ihren Soldaten und Panzern die Hoffnung von Tausenden auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.

Der damalige französische Präsident, General Charles De Gaulle, steht ebenfalls kurz davor Panzer einzusetzen. Gegen die Forderung 10.000er Demonstrierender nach drastisch höheren Löhnen konzentriert er die Truppen rund um Paris und droht mit ihrem Einsatz. Die anschließenden Reformen auch der sich selbst als Sozialisten bezeichneten Sozialdemokraten verhindern das endgültige Zusammengehen von StudentInnen und ArbeiterInnen – der faktische Zusammenbruch der Bewegung.

Und West-Deutschland? In der BRD werden die Notstandsgesetze als Instrument gegen innere Unruhe im Parlament beschlossen. Auch mit den Stimmen der SPD.

Alles in allem, ist der 1. Mai als wohl doch ein Trauertag?

Auf 68 folgt die bleierne Zeit der 70er, mit Terroristenhatz und den sozialdemokratischen Berufsverboten für Linke. Die „geistig-moralische Wende“ der 80er mit Helmut Kohl beschert uns dann den verschärftem Sozialabbau und die Vorbereitung des Neoliberalismus.

Mit dem Zusammenbruch der UdSSR folgte dann auch kein Neubeginn. Mit dem Eisernen Vorhang verschwanden leider nicht die Betonköpfe des Staatskommunismus mit ihrer reflexhaften Politik. Vielmehr begann der schleichende Zerfall aller linken Bewegungen erdrutschartige Ausmaße anzunehmen – der immer noch anhaltende Rechtsruck der Grünen gar nicht mit eingerechnet...

Aber – wie sich heute zeigt – wir sind trotz allem immer noch da! Der 1.Mai ist unser Tag. Wenn wir auch nicht mehr so viele sind wie früher, die Tradition des 1.Mai wird fortgesetzt. Und schließlich heißt Tradition die Glut am Leben halten und nicht die Asche weitertragen.

Der 1.Mai ist immer noch der Tag, an dem wir trotz FaschistInnen – die in Hamburg ja gerade wieder versuchen ihre menschenverachtende Politik zu präsentieren – und der Polizei uns immer noch der Kämpfen gegen Ausbeutung und Kapitalismus erinnern, Kraft sammeln und feiern.

Ja Feiern! Schließlich ist es nur dann unsere Revolution, wenn wir auch tanzen können!

Zum Beispiel im Anschluss an die Demo im UJZ Korn.

Kommt und feiert mit uns – denn am 2.Mai geht der Kampf wieder weiter!

Wir geben nicht klein bei – bis zur sozialen Revolution!

Für den libertären Kommunismus und die soziale Anarchie!


 



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